2020 feiert Berlin ein Jahrhundertereignis

Die Autorinnen Marion Schütt (l.) und Rita Preuß mit Klara S., Jahrgang 1912 - Fotos: Marion Schütt

1920 entsteht mit einem Schlag das moderne Berlin: Der Preußische Landtag verabschiedet ein neues Gesetz, das 8 Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke zu „Groß-Berlin“ vereint. Quasi über Nacht wächst die Stadt von 66 km² auf 878 km² Fläche an und wird hinter New York zur zweitgrößten Metropole der Welt. Das frisch gegründete „Groß-Berlin“ hat dem heutigen Berlin seine Gestalt gegeben.

[dropcas]Rita Preuß (Publizistin und Kunsthistorikerin) und Marion Schütt (Historikerin, Fotografin und Filmemacherin – synopsisfilm) widmeten sich mit ihrem pünktlich zum Jubiläum im Verlag für Berlin-Brandenburg erschienenen Buch „100 Jahre in Berlin. Generation Kaiserzeit erzählt“ diesem Thema auf eine sehr persönliche Weise. Fünfzehn (über) Hundertjährige kommen zu Wort und erzählen von ihrem langen Leben, das sie größtenteils in Berlin verbracht haben. Dabei haben sie nicht nur Familien gegründet und erlebt, wie sich Technik entwickelte, sondern auch in sechs Gesellschaftssystemen gelebt: zur Kaiserzeit geboren, in der Weimarer Republik aufgewachsen, im Nationalsozialismus die Jugend und in zum Teil ihre Familien verloren, eine Besatzungsperiode und die Gründung neuer Staaten erlebt und nun, vor dreißig Jahren, auch die deutsche Wiedervereinigung. Ein Gespräch mit zwei Autorinnen, die vergangenen Alltag lebendig halten.[/dropcas]

Möchten Sie 100 Jahre alt werden? Wenn ja, wie sehen Sie sich heute als 100-Jährige? In Jeans gut gelaunt durch Kreuzberg radelnd?

Marion Schütt: Ja, denn viele Mitglieder meiner Familie sind sehr alt geworden, da habe ich eine genetische Disposition. Ich sehe mich eher auf dem Land, viel lesend, fotografierend und malend.
Rita Preuß: Ich kann mir das durchaus vorstellen. Natürlich möchte ich fit und aktiv bleiben und gern in einer Gemeinschaft leben.

Die Schauspielerin Hanna Schygulla während einer Lesung in in der Hauptstadt aus dem Buch „100 Jahre in Berlin“

Können Sie die Generation der heute 100-Jährigen mit drei Adjektiven beschreiben? Welche fallen Ihnen spontan ein?

Rita Preuß: Lebenslustig, humorvoll, ehrgeizig.

Für viele Leser hilfreich sind die kurzen Erklärungen zu den historischen Sachverhalten, die in den Biografien erwähnt werden. Welche Ereignisse prägten diese Generation ganz besonders?

Rita Preuß: Bei den Männern sind es vor allem die beiden Kriege, über die sie sprachen.
Marion Schütt: Die Zeit nach 1945, die geprägt war von Hunger, Entbehrungen und Aufbau. Oftmals kamen die Männer nicht aus dem Krieg zurück. Und natürlich ist es ein Unterschied, ob die Menschen nach 1949 in West- oder Ostberlin lebten.

Hat Sie eine der Biografien besonders beeindruckt?

Marion Schütt: Es ist die Biografie der Helga G., die 1912 bei Bitterfeld geboren wurde, eine Ausbildung zur Erzieherin absolvierte, Führerin im Reichsarbeitsdienst vor Ort war und bis zum Ende des Krieges fest an den Nationalsozialismus glaubte. Danach setzt ihr Umdenken ein. Sie wurde Sozialpädagogin und setzte sich intensiv mit „ihrer finsteren Vergangenheit in der Nazi-Zeit“ auseinander. Heute sagt sie: Ich hätte aufmerksamer und kritischer sein müssen, das war man aber nicht.
Rita Preuß: Besonders unsere Frau auf dem Cover, Ulla M. mit ihrem unglaublichen Berliner Humor.

Was haben Sie aus den Gesprächen mitgenommen?

Rita Preuß: Zuerst ist es die Ruhe, in der man diese Gespräche führt und die notwendig ist, um in die Lebenswege einzutauchen.
Marion Schütt: Wenn ich so altere wie diejenigen, die wir interviewten, brauche ich keine Angst vor dem Alter zu haben. Die meisten der Interviewten leben noch zu Hause. Diese 15 Hundertjährigen vermittelten uns das Lebensgefühl einer Stadt, die es so nicht mehr gibt.

Haben Sie dazu beigetragen, Erinnerungen wieder auszugraben?

Rita Preuß: Ja, das war berührend und erstaunlich zugleich: Es wurden die Namen der Lehrer, einstiger Nachbarn, von Straßen, ja sogar Brotsorten und Preise genannt. Die Hundertjährigen berichteten, dass sie sich sehr mit ihrer Kindheit und Jugend beschäftigen und dabei viele Erinnerungen wieder lebendig werden. Aus diesem Fundus konnten wir schöpfen und haben Alltagserlebnisse erfahren, die heute niemand mehr kennt.
Marion Schütt: Wir haben viele bewegende und anrührende Geschichten gehört. So berichtete uns eine Frau über eine schreckliche Vergewaltigung in den Nachkriegsjahren. Darüber hat sie in all den Jahren nie gesprochen. Aber wenn man Dinge für sich behalten will, erzählt man sie auch nicht, wenn man hundertjährig ist.

Gibt es eine Fortsetzung des biografischen Projekts?

Marion Schütt: Ja, wir planen eine weitere Dokumentation über hochbetagte Menschen, die den Ersten Weltkrieg bewusst erlebten. Die Älteste ist am 5. Januar 1906 geboren. Zugleich führen wir Gespräche mit Menschen ab 90 Jahren im Land Brandenburg. Die von uns konzipierte, vom Ministerium in Potsdam geförderte Wanderausstellung ist zurzeit im Pflegestützpunkt Postdam, in der Hegelallee 6-10, zu sehen.

Mitte Mai 2020 eröffnen wir in Brandenburg an der Havel im Friedgarten des Doms St. Peter und Paul eine Ausstellung unter dem Titel „LOSGEHEN UND ANKOMMEN – Menschen in Brandenburg an der Havel und Umgebung zwischen 1945, 1989 und 2015“. Hier werden Lebenswege von Menschen vorgestellt, die von Flucht, Vertreibung, Weggehen und Ankommen berichten. Eine Kooperation der der evangelischen Kirchengemeinden in der Region Brandenburg an der Havel.

Rita Preuß, Marion Schütt: 100 Jahre in Berlin. Generation Kaiserzeit erzählt Mit vielen Fotos, QR-Codes zu Audio- und Videosequenzen aus den Interviews Verlag für Berlin-Brandenburg; ISBN: 978-3-947215-48-5