Fluorid – Fluch und Segen zugleich

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Richtig dosiert ist Fluorid ein wichtiger Zusatzstoff für unsere Zähne. Aus diesem Grunde bekommen auch schon Babys kleine Fluorid Tabletten, um Mundbakterien zu reduzieren. Falsch oder zu viel eingenommen, kann der Wirkstoff aber auch schädlich sein und Krankheiten verursachen. Wir sprachen mit Prof. Dr. Dr. Franz-Xaver Reichl, Leiter des Internationalen Beratungszentrums für die Verträglichkeit von Zahnmaterialien (BZVZ) in München.

Herr Prof. Dr. Dr. Reichl, das Thema Fluorid ist den meisten bekannt. Aber viele wissen nicht genau, warum es so wichtig für den Zahnerhalt ist?
Mundbakterien setzen Zucker um und bilden Säuren, die dann die Zähne angreifen können. Die Folge ist die Zerstörung der Zahnhartsubstanz und die Entstehung von Karies. Fluoride härten den Zahnschmelz und beugen so der Entstehung von Karies vor.

Prof. Dr. Dr. Franz-Xaver Reichl – Foto: privat

Eltern kennen Fluorid meist durch die kleinen Tabletten vom Kinderarzt, die sie dem Nachwuchs geben sollen. Worin ist denn sonst noch Fluorid enthalten?
Fluoridtabletten sollten nicht gegeben werden, außer es besteht ein extrem hohes Kariesrisiko beim Kind, d. h. Eltern, Geschwister etc. zeigen schon eine hohe Kariesanfälligkeit (z. B. genetische Prädisposition). Fluoride sind nahezu überall in Lebensmitteln enthalten, aber besonders hohe Mengen (bis zu 2 mg/kg) finden sich z. B. in Trockenkräutern, Gewürzen, Tees und Meeresfrüchten. Dabei spielt nicht nur die aus Nahrungsmitteln (einschließlich Trinkwasser), sondern auch die mit der Zahnpasta und anderen fluoridhaltigen Mitteln (Mundspüllösungen etc.) aufgenommene Fluorid- Menge eine Rolle. Immer die Summe macht es.

Wie bei den meisten Dingen gibt es auch beim Fluorid leider nicht nur eine positive Seite, sondern auch eine negative. Können Sie uns bitte die Nachteile und möglichen Folgen bei einer Überdosierung erläutern?
Die Nachteile bestehen in einer zu hohen Aufnahme von Fluoriden, d. h. eine dauerhafte Fluoridzufuhr von mehr als 1,2 mg/Tag während der Zahnentwicklung, also bis zu einem Alter von acht Jahren, kann zu einer Dentalfluorose auch der bleibenden Zähne führen. Das sind die typisch weißlich-gelben Flecken auf den Zähnen. Bei immer mehr Kindern zeigen sich bereits solche Symptome. Also Vorsicht: Fluoride sind notwendig, aber Zuviel ist auch nicht gut. In einigen asiatischen vulkanischen Gegenden ist das Trinkwasser hoch fluoridhaltig (über 2 mg/l). Bei einer dauerhaften Fluorid-Zufuhr von mehr als 12 mg/Tag wird das Fluorid auch in die Knochen eingebaut und es kommt zu Knochendeformationen (Skelettfluorosen). Diese Fluorid-Mengen werden aber in Europa von den Menschen nicht aufgenommen.

Unverträglichkeiten gegen Zahnmaterialien äußern sich bei Betroffenen leider oft nicht durch Probleme im Mundraum, sondern anhand anderer Symptome wie beispielsweise verschiedener Hautreaktionen, geröteter Augen usw., die eher eine Allergie vermuten lassen. Wie kann man erkennen, dass auftretende Symptome von Zahnmaterialien kommen, z. B. von Kompositen, Klebern oder sogar von Implantaten, da ja die Reaktion oft erst nach Monaten auftritt?
Man unterscheidet spezifische („sichtbare“) Symptome, z. B. Hautreaktionen wie Hautekzeme, Mundschleimhautveränderungen und Rötungen, sowie unspezifische („nicht sichtbare“) Symptome, die von Zungenbrennen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen über Magen- Darmprobleme, Ermüdung bis hin zur Depression reichen können. Hier sind wir in der Lage das verträglichste Zahnmaterial vor einer Zahnrestauration für die Patienten auszuwählen. Ferner kann festgestellt werden, ob ein sich momentan im Mund befindliches Zahnmaterial die Ursache ist für bereits aufgetretene Symptome. Es kann präzise gesagt werden, welches Zahnmaterial ausgetauscht werden muss und welches Material im Mund verbleiben kann! Ein Patient darf niemals ein Zahnmaterial erhalten, aus dem Inhaltsstoffe freigesetzt werden, gegen die der Patient eine Allergie hat. Nicht entscheidend ist deshalb, welcher Inhaltsstoff in dem Material ist, sondern welcher Stoff in welcher Menge freigesetzt werden kann. Nur ein freigesetzter Inhaltsstoff kann Beschwerden auslösen. Aufgrund der vorhandenen, weltweit einzigen Datenbank zu den freigesetzten Inhaltsstoffen aus Zahnmaterialien kann dann nach einem Allergie-Testverfahren das verträglichste Zahnmaterial ausgewählt werden.

Prof. Dr. Dr. Reichl in seinem Labor im Internationalen Beratungszentrums für die Verträglichkeit von Zahnmaterialien (BZVZ)

Sie führen den Epikutantest durch. Wie funktioniert denn dieser Test? Gibt es dafür auch in Berlin oder der näheren Umgebung alternative Standorte, um den Allergietest durchführen zu lassen?
Wir führen den Epikutantest (Hauttest), aber auch den Lymphozytentransformationstest (LTT; Bluttest), durch. Für bestimmte freigesetzte Inhaltsstoffe aus Kunststoff-Zahnmaterialien wird allerdings der Epikutantest dem LTT vorgezogen. Der Epikutantest dauert insgesamt 4 Tage. Am ersten Tag werden die Zahn-Allergene mit Pflaster auf den Rücken aufgetragen. Am zweiten Tag werden die Pflaster wieder entfernt und zum ersten Mal abgelesen, am dritten Tag zum zweiten Mal und am vierten Tag zum dritten Mal. Der Test dauert also entweder von Montag bis Donnerstag oder von Dienstag bis Freitag. Die Auftragung dauert ca. 20 Minuten, die Ablesezeiten sind nur Sekunden. Es ist möglich den Test entweder komplett in München zu machen oder es werden nur die Allergene in unserem Zentrum aufgetragen und die Ablesung kann dann ein heimatnaher Allergologe machen. Der Aufenthalt wäre dann nur ein einziger Tag.

Kann man denn nicht gleich die fertigen Zahnmaterialien, also die fertig auspolymerisierten Zahnmaterialien oder z. B. ein Plättchen einer Legierung (Gold, Keramik), direkt auf der Haut im Allergietest prüfen lassen?
Nein, das geht nicht und das wird auch immer wieder sogar von Allergologen und von Zahnärzten falsch gemacht! Die fertig polymerisierten Zahnmaterialien können nicht direkt im Epikutanoder im LTT-Test getestet werden, weil viele Inhaltsstoffe erst nach einem halben Jahr freigesetzt werden und deshalb nach 3-tägiger Ablesung im Epikutantest oder im LTT-Test falsche Entscheidungen bei der Auswahl resultieren würden. Es müssen immer die freigesetzten Stoffe getestet werden, die dann über die Datenbank zur Auswahl des verträglichsten Material führen. Das heißt, nur über diese Datenbank kann das verträglichste Zahnmaterial für die Patienten sicher ausgewählt werden. In der Datenbank sind die freigesetzten Inhaltsstoffe gespeichert aus: Kompositen, Klebern, Wurzelkanalfüllungsmaterialien, Legierungen, Keramiken, Prothesen, Zahnspangen, Brackets, Drähten, Retainern usw. Oft glauben auch Patienten, dass die Ursache ihrer unspezifischen Symptome Zahnmaterialien sind. Heute ist es möglich, nicht nur das verträglichste Zahnmaterial für die Patienten vor einer Zahnrestauration auszuwählen, sondern auch zu ermitteln, ob die Ursache ihrer Symptome wirklich Zahnmaterialien sein können. Auch psychosomatische Beschwerden können klar von Zahnmaterialien- Unverträglichkeiten unterschieden werden.

Reicht es aus, die Zahnfüllungen aus Metall durch Kunststoff- oder Keramikvarianten zu ersetzen?
Auf keinen Fall! Auch aus Legierungen, selbst aus hochgoldhaltigen Legierungen mit bis zu 80 % Goldanteil, können Substanzen/ Metalle freigesetzt werden, die beim Menschen gesundheitliche Beschwerden hervorrufen können. Auch braucht man immer für die Eingliederungen von Legierungen oder Keramiken bestimmte Klebestoffe, sogenannte Adhäsive bzw. Zemente, aus denen aber wieder Substanzen freigesetzt werden können, die Probleme bereiten können. Alle diese freigesetzten Inhaltsstoffe sind aber in unserer Datenbank vorhanden und deshalb können metallische/keramische Zahnmaterialien mit den dazugehörigen Klebern sicher vor einer Restauration ausgewählt werden.

Wer kommt für die Kosten auf? Zahlt die Krankenkasse oder sind es Privatleistungen?
Die Allergietestung ist ein Kassenleistung. Die Beratung und die zu erstellenden Gutachten sind Privatleistungen und hängen von der Höhe der Aufwands ab.

Wo bekommt man Hilfe?
An der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München gibt es das „Internationale Beratungszentrum für die Verträglichkeit von Zahnmaterialien (BZVZ)“. Detailliertere Informationen können die Patienten direkt per E-Mail an: reichl@lmu.de oder auf der Homepage abrufen.

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