Die große Freiheit

„Autopapst“, Autojournalist und Maschinenbau-Ingenieur Andreas Keßler - Fotos: privat

Als die Babyboomer in den 70ern des letzten Jahrhunderts kurz vor dem 18. Geburtstag standen, hatten alle nur ein Ziel: den Führerschein!

Nur damit schien die große, weite Welt per Auto erreichbar, nur damit konnte man wirklich frei sein … Was für ein Gefühl, hinter dem Steuer zu sitzen und in die untergehende Sonne zu fahren. Großartig! Perfekt dazu passend setzte die Politik zukunftsweisende Zeichen, die europäische Einigung kam mit Riesenschritten voran und immer mehr Schlagbäume an den Grenzen wurden abgebaut. Europa wollte unter die Räder genommen werden.

Inzwischen haben die Babyboomer selbst Kinder, die Auto fahren dürfen. Man sollte meinen, wer in einem Golf 2, einem Mercedes W123 oder einem BMW E30 auf dem Rücksitz groß geworden ist, wartet genau wie Papa und Mama auf nichts sehnlicher als die Fahrprüfung. Das ist aber vor allem in Metropolenregionen wie in Berlin oder Hamburg keineswegs der Fall! Die Fahrprüfung und das erste eigene Auto sind „uncool“, viel wichtiger sind das neueste Smartphone und die sozialen Netze. Die große Freiheit wird online gesucht, und die Boliden dazu kommen nicht aus Wolfsburg oder Stuttgart, sondern aus Cupertino und Suwon.

Die Reise in die weite Welt findet jedoch nicht nur online statt! Wer als junger Mensch tatsächlich reisen will, tut das heute per Fernbus oder Billigflug, lokal helfen die Car-Sharer durch den Alltag. Die nötigen Zugangscodes und Tickets dazu gibt es jederzeit und überall online. Das ist viel stressfreier als ein Auto mit seinen ständigen Wehwehchen, Leasingraten, Staus und Strafzetteln. Billiger ist diese „just-in-time“-Art der Mobilität ohnehin, jedenfalls beim Vergleich mit einer Vollkostenrechnung des Autobesitzes. Aber ist „stressfrei“ wirklich Teil dieser autolosen Lebensweise? Sind Flug- und Fahrpläne nicht einengend? Muss man wirklich unbedingt stundenlang vor dem eigentlichen Abflug in einer Schlange auf die Sicherheitskontrollen warten?

Ähnlich ging es den Babyboomern vor vier Jahrzehnten, als sie in einer langen Autoschlange auf „Sicherheitskontrollen“ der DDR-Grenzer warten mussten. Ist das Zufall? Beide Schlangen dienen angeblich der Sicherheit (jedenfalls wird das von denen, die den Ton angeben, so definiert …), taugen aber tatsächlich eher als Kontroll- und Disziplinierungsinstrument.

Allzu viel Mobilität, womöglich unkontrolliert, hat immer schon zu Argwohn bei den jeweils Mächtigen geführt.

Aktuell ist dieser Argwohn offenbar besonders stark, weil er (wie vielfach gemeldet und teilweise auch realisiert) zum Schließen von Grenzen führen kann. Damit gerät der mühsam entwickelte europäische Einigungsprozess de facto nicht nur ins Stocken, sondern wird sogar rückgebaut. Hiermit würde eine rote Linie überschritten!

Noch kann jeder mit dem Auto annähernd problemlos in jedem Winkel Europas Urlaub machen, Land und Leute kennenlernen und die europäische Idee mit Leben füllen. Damit das so bleibt, sollte jeder einmal mit dem Auto eine „Tour d‘Europe“ machen! Nichts beflügelt die europäische Idee besser als die „Erfahrung“ (im Wortsinne!) eines grenzenlosen Europas ohne Fahrplan, Sicherheitskontrollen und Gepäckproblemen …

von Andreas Keßler

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