Brecht, Gedichte und Geister

Der Zweifler im Schlafzimmer von Bertolt Brecht - Fotos: Erik-Jan Ouwerkerk

Es wäre so ganz nach dem Geschmack des Meisters – der Krimis liebte – gewesen: Wenn die Nacht hereinbricht, treffen sich Dichter, Schauspieler und Literaturfreunde auf dem Friedhof, um Gedichten, Texten und Liedern zu lauschen. Am 9. Juni ist es zum zweiten Mal so weit: Geisterstunde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.

Wenn Brecht einst aus dem Fenster seines Arbeitszimmers in der Berliner Chausseestraße 125 schaute, blickte er auf den Dorotheenstädtischen Friedhof. Wohl nirgends sonst in Deutschland liest man auf den Grabsteinen die Namen so vieler bekannter Persönlichkeiten aus verschiedenen Epochen. Brecht liebte die Ruhe des Ortes, die Nähe zum Berliner Ensemble und zur Akademie der Künste. Im Oktober 1953 zog er gemeinsam mit Helene Weigel in diese Wohnung mit „anständigen Maßen“, wie er seinem Verleger Peter Suhrkamp schrieb. Die Größe der Zimmer bot dem Dramatiker ausreichend Platz für viele Arbeitstische und Raum für Gespräche mit seinen Schülern. Die Wohnung beherbergt heute auch seine imposante Nachlassbibliothek mit etwa 4.000 Bänden, die Benutzern des Bertolt-Brecht-Archivs zur Verfügung steht. Helene Weigel bewohnte zu Brechts Lebzeiten Räume in der zweiten Etage des Seitenflügels, die sie nach Brechts Tod dem von ihr gegründeten Bertolt-Brecht- Archiv zur Verfügung stellte. Sie ließ eine zum Garten führende Veranda anbauen und zog ins Erdgeschoss. In dieser Wohnung lebte sie bis zu ihrem Tod am 6. Mai 1971. Die Brecht-Weigel-Gedenkstätte wurde zu Brechts 80. Geburtstag, am 10. Februar 1978, eröffnet. Jeweils drei Räume der Wohnungen sind im Originalzustand erhalten. Während der Führungen gibt es erlaubte Schlafzimmerblicke, einen Besuch in Helenes Küche und jede Menge Anekdoten aus dem Leben des berühmten Künstlerpaares.

Kleines Arbeitszimmer von Bertolt Brecht

Die Feier zum 40. Geburtstag der lebendigen Gedenkstätte haben die Verantwortlichen in die warme Jahreszeit verlegt und laden am 9. Juni zum Sommerfest ein. Es gibt Gespräche, Führungen, Diskussionsrunden und Musik auf dem Hof. Und dann freuen sich schon alle auf die „Geisterstunde“ auf dem Friedhof. Theaterleute und Schriftsteller übernehmen für einen Abend Patenschaften an den Gräbern Prominenter und lesen Briefe, Gedichte und andere Texte. Mit dabei sind in diesem Jahr u. a. Durs Grünbein, Sophie Rois, Christoph Dieckmann, Dea Loher, Clemens Meyer, Christoph Hein und Carmen-Maja Antoni. Übrigens lesen die Akteure ohne Gage – das hätte wohl besonders Helene Weigel, die als sehr sparsam galt – gefreut.

Sommerfest im Brecht-Weigel-Haus

Am 9. Juni 2018, 15 Uhr, „Geisterstunde“ auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof ab 21 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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