Meisterhafter Erzähler

Foto: Susanne Schleyer

Der 1926 in Berlin-Britz geborene Günter de Bruyn zählt zu den besten deutschen Prosaautoren. In seinem Spätwerk widmet sich der Meister subtiler Ironie und sprachlicher Eleganz seinen märkischen Forschungen.

1960 erschien sein erstes Buch „Hochzeit in Weltzow“ – später von der DEFA im Auftrag des Fernsehens verfilmt –, das im Havelländischen Luch spielt. In dieser stillen märkischen Gegend landete der Neulehrer Günter de Bruyn kurz nach dem Krieg. Die achtklassige Volksschule in Garlitz blieb seine einzige Lehrer-Station, denn der 1926 in Berlin- Britz geborene Nachkomme hugenottischer Einwanderer war längst literaturverliebt. Und so absolvierte er von 1949 bis 1953 eine Ausbildung zum Bibliothekar. Seine ersten Schriften waren bibliothekswissenschaftlich. In einer Bibliothek verlieben sich auch der verheiratete Karl Erp und die Volontärin Fräulein Broder (ihr Vorname bleibt ungenannt) im Roman „Buridans Esel“. Und spätestens jetzt verliebten sich die Leserinnen und Leser in diesen Autor, der mit genauen Schilderungen des Alltags, subtiler Ironie, sprachlicher Eleganz, „freundlichem Deutsch“ – wie es Wolfgang Thierse einmal nannte – meisterhaft erzählt. Mit der viel beachteten Biografie „Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter“ gehörte er zu den Autoren, die sich in den 1970er-Jahren dem 18. Jahrhundert zuwandten.

In der DDR lebte das Mitglied der Akademie der Künste der DDR (seit 1978) und West-Berlins (seit 1986) unangepasst, mischte sich ein, protestierte auf dem 10. Schriftstellerkongress der DDR 1987 offen gegen die Zensur und unterschrieb die Petition der Schriftsteller gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Im Oktober 1989 lehnte er die Annahme des Nationalpreises der DDR wegen „Starre, Intoleranz und Dialogunfähigkeit“ der Regierung ab. „Aber es war schon ein ständiges Lavieren zwischen dem, was möglich war, und dem, was nicht ging“, beschrieb er seine inneren Konflikte in einem Interview mit der Berliner Zeitung im Sommer 1996. Als der Staat unterging, war der Schriftsteller, dem es Anliegen ist, „wahrheitsgetreu Bericht zu geben“, 63 Jahre alt.

In seinem Spätwerk verabschiedete sich Günter de Bruyn von erdachten Geschichten und widmet sich nach seiner Autobiografie „Vierzig Jahre: Ein Lebensbericht“ ganz seinen märkischen Forschungen. Er beschäftigt sich mit historischen Persönlichkeiten aus der Geschichte Preußens, präzise erforscht und bestens lesbar. Zum 90. Geburtstag legte er mit „Sünder und Heiliger“ eine Biografie über den höchst seltsamen Dichter Zacharias Werner vor. Die Bodenhaftung vollzog der Autor auch früh schon räumlich, kehrte dem lauten Berlin den Rücken und wählte ein ein kleines Dorf bei Beeskow zu seinem Wohnsitz. Seine stille Liebe zu Land und Leuten kann man im Buch „Mein Brandenburg“ nachlesen.

Günther de Bruyns Biografie steht exemplarisch für viele Künstler dieser Generation, die nach 1989 in der vierten Gesellschaftsordnung ankamen. In seinem langen Schriftstellerleben hat er viele Auszeichnungen eingesammelt, fast ist man geneigt zu sagen unzählige. Unbestritten ist der Wahl-Brandenburger einer der besten deutschen Prosaautoren. Und wie ehrt man Autoren am besten? Lessing weiß es: „Wir wollen weniger erhoben und fleißiger gelesen sein.“.

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