Das Netz unter dem Patienten

Mediziner bei der Kontrolle der elektronischen Daten - Foto: Ruppiner Kliniken

Was eigentlich ist Telemedizin? Computer statt Arzt? Notlösung oder Fortschritt? Und wer kümmert sich um all die Daten? „es ist der Patient an der virtuellen langen Leine zu seinem betreuenden Arzt “, weiß Univ.-Prof. Dr. med. Friedrich Köhler, Leiter des Zentrums für kardiovaskuläre Telemedizin, Oberarzt für Kardiologie an der Medizinischen Klinik m. S. Kardiologie und Angiologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Univ.-Prof. Dr. med. Friedrich Köhler, Leiter des Zentrums für kardiovaskuläre Telemedizin, Oberarzt für Kardiologie an der Medizinischen Klinik m. S. Kardiologie und Angiologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin – Foto: Charité Berlin

Was sind die wichtigsten Einsatzgebiete der Telemedizin?

Die Telemedizin ist kein eigenständiges Fachgebiet, die Verfahren werden quer durch die Gesundheitsbereiche genutzt. Ich kann nur über mein Fachgebiet, die Kardiologie, sprechen. Prinzipiell unterscheiden wir zwei telemedizinische Szenarien: a) der Hochrisikopatient tauscht Vitaldaten über eine virtuelle Leine zu seinem betreuenden Arzt aus oder b) es gibt einen Expertenaustausch über einen Patienten zwischen Krankenhäusern, z. B. bei der akuten Schlaganfallversorgung. Hier sind es besonders die Fachgebiete Neurologie und Radiologie, bei denen die Telemedizin durch einen Datenaustausch beispielsweise die Verlegung des Patienten in ein anderes Krankenhaus unnötig machen kann.

Woran forscht Ihr Bereich gegenwärtig?

Wir forschen im Bereich Kardiologie an einer Art Frühwarnsystem für Patienten mit chronischer Herzschwäche. Daran leiden 1,2 Millionen Patienten in der Bundesrepublik. Im Krankheitsverlauf kann es zu einem lebensbedrohlichen Kreislaufzusammenbruch mit Wassereinlagerungen kommen. Die telemedizinische Mitbetreuung soll eine solche Komplikation so rechtzeitig erkennen, dass der Zustand gar nicht erst lebensbedrohend wird und der Patient möglichst noch ambulant behandelt werden kann. Herzinsuffizienz liegt in Deutschland auf Platz 1 der Gründe für Krankenhauseinweisungen. Wir sprechen von 1.000 stationären Aufnahmen von Patienten mit Herzinsuffizienz pro Tag hierzulande. Das ist also ein großes gesundheitspolitisches und volkswirtschaftliches Thema.

Welche Bedeutung hat die Telemedizin für das Flächenland Brandenburg, in dem sich die ärztliche Versorgung von Berlin unterscheidet?

Wir haben viele gute Kooperationen mit Kliniken in Brandenburg, besonders im Norden des Landes. Dabei geht es eben keinesfalls darum, durch Telemedizin die Haus- und Fachärzte vor Ort zu ersetzen. Ganz im Gegenteil. Das telemedizinische Früherkennungskonzept betrifft nur Hochrisikopatienten und kann nur in der Zusammenarbeit mit den Kollegen vor Ort wirken. Die Präsenzmedizin vor Ort bleibt der wichtigste Teil der Betreuung. Für den Patienten ändert sich weder gegenüber seinem Arzt noch gegenüber seinem Krankenhaus etwas.

Partner der Fontane-Studie ist die Medizinische Klinik A mit Schwerpunkt Kardiologie der Ruppiner Kliniken in Neuruppin – Foto: Ruppiner Kliniken

Wie ist hierbei der aktuelle Stand und wohin fährt der große Forschungsdampfer?

Gegenwärtig realisieren wir die Fontane- Studie in Nordbrandenburg. Es ist aktuell die weltweit größte Telemedizin-Studie bei Herzinsuffizienz. Das bringt uns übrigens auch sehr viel internationales wissenschaftliches Interesse. Im Kern geht es um die Verbesserung der Betreuungsqualität für Herz-Kreislauf-Erkrankte im strukturschwachen ländlichen Raum durch den Einsatz moderner Informationstechnologien in Diagnostik und Therapie. Im Ergebnis dessen möchten wir Hospitalisierungstage und möglicherweise sogar die Sterblichkeitsrate verringern – das ist ein sehr großes Ziel. 2018 werden wir nach acht Jahren Forschungsarbeit Ergebnisse auf den Tisch legen. Die Studie schloss bundesweit 1.534 Patienten ein. Das entspricht dem Passagieraufkommen von zehn Airbus-Flugzeugen. Jeder dieser Patienten wurde ein Jahr nach einer kardialen Dekompensation nachbetreut, um ein weiteres akutes Krankheitsereignis zu verhindern. Das setzt eine kontinuierliche aktive Teilnahme des Patienten voraus, was sowohl die regelmäßigen Messungen als auch die aktive Auseinandersetzung mit der Krankheit, also die Veränderung von Lebensgewohnheiten, beinhaltet.

Was passiert eigentlich in Notfall- Situationen, also wenn die Werte in den roten Bereich gehen?

Unser telemedizinisches Zentrum ist rund um die Uhr mit einem Facharzt und Fachpflegern besetzt. Fachärzte stellen bei auffälligen Messwerten Diagnosen und koordinieren gemeinsam mit den Fachpflegern notwendige Maßnahmen: Im Normalfall benachrichtigen sie den Patienten und seinen betreuenden Haus- oder Facharzt. Wenn dieser z. B. am Wochenende nicht erreichbar ist, leiten sie selbst Maßnahmen ein (wie Dosisanpassungen von Medikamenten). Im akuten Notfall können sie unmittelbar einen Notarzt schicken und Erstmaßnahmen telefonisch unterstützen.

Was erwarten Sie von den Studien- Ergebnissen?

Die große Studie beantwortet die Fragestellung, ob dieses Frühwarnsystem wirklich die Erwartungen erfüllt. Ist das so, folgt als Konsequenz, dass es für Patienten mit einer solchen Indikation Telemedizin in Deutschland bald auf Rezept geben könnte.

Eines der größten Probleme der Digitalisierung in der Medizin ist die Auswertung der ungeheuren Datenfülle. Könnte das auch in Ihrem Forschungsgebiet ein kaum zu bewältigender Berg werden?

Wir sind natürlich – wie jedes Krankenhaus – mit einer unglaublichen Fülle von Daten konfrontiert. Mittlerweile gibt es da gut funktionierende Unterstützungssysteme, die unter anderem vom Hasso- Plattner-Institut in Potsdam kommen.

Noch einmal zurück nach Brandenburg. Hilft die Telemedizin, regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung auszugleichen?

Auch das wird die Studie zeigen. Jährlich veröffentlicht die Deutsche Gesellschaft für Kardiologe den Herbstbericht, der seit Jahren zeigt, dass Herzgesundheit auch vom Wohnort abhängt. Zwar ist Brandenburg nicht mehr Schlusslicht, sondern Sachsen-Anhalt. Die Telemedizin schafft die Bedingungen, dass der Patient eben unabhängig von seinem Wohnort die gleichen Bedingungen hat – immer vorausgesetzt, er arbeitet aktiv mit. Ich persönlich bin sehr froh, dass wir so viele gute Kooperationen mit Brandenburger Gesundheitseinrichtungen haben. Das funktioniert großartig – zum Wohl der Patienten.

Telemedizin

Bei der Telemedizin wird die räumliche Distanz zwischen Patienten und Therapeuten mithilfe von Telekommunikation (z. B. Mobilfunk oder Internet) überwunden.

Am Beispiel: Das Blutdruckmessgerät ist mit einem „Sender“ ausgestattet, der die Blutdruckwerte eines Patienten automatisch und drahtlos an ein ärztlich und pflegerisch besetztes Telemedizinisches Zentrum überträgt. Dabei werden innovative Übertragungstechniken aus der Telekommunikation eingesetzt (deshalb: Telemedizin). In einem Telemedizinischen Zentrum prüft medizinisches Personal zeitnah die Blutdruckwerte und andere Gesundheitsparameter, beispielsweise Gewicht oder EKG. Bei Auffälligkeiten setzt es sich mit dem Patienten in Verbindung – Veränderungen können so früh erkannt und eine medizinische Behandlung rechtzeitig eingeleitet werden.

Formen der Telemedizin

Telemedizin nützt Ärzten untereinander zur Übermittlung von Patientendaten, zum Einholen von Zweitmeinungen und zum Wissensaustausch („doc2doc“- Telemedizin). Sie wird in der medizinischen Weiterbildung, bei besonders komplizierten Fällen oder in entlegenen Gebieten eingesetzt.

Telemedizin wird aber auch in der direkten Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Patienten angewandt („doc2patient“-Telemedizin). Dabei werden vor allem Gesundheitswerte überwacht, aber auch bei Bedarf Diagnosen gestellt und Therapien eingeleitet.

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