Regelmäßig bewegen

Foto: AOK-Mediendienst

Individuelle Behandlungskonzepte und Prävention liegen auch bei der Orthopädie im Trend

Vom Säugling bis zum Senioren dafür zu sorgen, dass sich die Menschen in jeder Phase ihres Lebens schmerzfrei bewegen und bis ins höhere Alter mobil bleiben – dies ist das erklärte Ziel der Orthopäden und Unfallchirurgen. Neue Implantate und Techniken, von Computern gestützte Planungen und sogar Operationen entwickeln sich rasant weiter. Die Trends in der Medizin gehen immer mehr in Richtung individueller Behandlungskonzepte. Das bestätigte auch der vom 25. bis zum 28. September in Berlin veranstaltete Kongress der Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU2016).

Frauen sind anders

Dr. med. Manfred Neubert – Foto: Michael Ihle

Dabei ist in den zurückliegenden Jahren zunehmend klar geworden, so eine Botschaft auf dem Kongress, dass das Geschlecht einen Einfluss auf die Häufigkeit gewisser orthopädischer Erkrankungen und Symptome hat. Es bestätigt sich die Alltagsweisheit: „Frauen sind anders“, keine in der Medizin neue Erkenntnis, wie Dr. med. Manfred Neubert, Kongresspräsident der DKOU 2016 und Facharzt am Orthopädie-Zentrum in Bremen, ausführte. Beispielsweise leiden Frauen viel häufiger unter Osteoporose (Knochenschwund) und sind besonders nach Eintritt der Menopause vom Knochenabbau deutlich stärker betroffen. Gerade bei orthopädischen Erkrankungen, so Dr. Neubert, sind die Unterschiede zwischen Männern und Frauen recht deutlich. Die Arthrose ist das Verschleiß-Problem Nummer eins, was die Gelenke betrifft. Studien und Erfahrungsberichte auf der Basis röntgenologischer Nachweise ergeben, dass die Hälfte aller Frauen über 50 Jahre unter Knie-Arthrosen leidet, demgegenüber aber nur jeder dritte Mann davon betroffen sei. Diese Situation führe dann dazu, dass bis zu 65 Prozent der Frauen mit Knieprothesen versorgt werden.

Mehr Sportunfälle bei Frauen

Hinzu komme, dass Frauen nach der Implantation einer Knieprothese deutlich mehr Einschränkungen in ihrer Lebensqualität erfahren als die Männer. Die vor zehn Jahren eingeführte Knieprothese für Frauen, das sogenannte Frauenoder Genderknie, sollte auf vorhandene Unterschiede reagieren, habe aber, so Dr. Neubert, keine besseren Ergebnisse erzielt als die herkömmliche Unisex-Prothese. Zu den daraus folgenden Konsequenzen sollten, so der Ratschlag auf dem Kongress, unterschiedliche Indikationen bei Frauen und Männern gestellt werden. Zu den Erklärungsversuchen zählt dann die statistisch belegte Tatsache, dass Frauen bei Arthrose-Beschwerden in der Regel später als Männer operiert werden, das heißt, der Verschleiß ist dann im Kniegelenk bei den Frauen zum Zeitpunkt der Operation stärker fortgeschritten.

Foto: Ligamenta Wirbelsäulenzentrum / pixelio.de

Eine andere Studie der AOK Baden- Württemberg sowie vom Berufsverband Orthopädie belegt, dass die Zahl der Verletzungen von Frauen durch Sportunfälle oder Stürze in den vergangenen Jahren deutlich stärker gestiegen ist als bei Männern. Junge Frauen verletzten sich vor allem am Knie, während Seniorinnen immer häufiger Brüche im Hüft- und Kniebereich erleiden.

Mut zur Prävention

Zu den praktischen Konsequenzen zählen die Mediziner auf dem Kongress vor allem mehr Mut zur Prävention. Die Orthopäden wachsen immer stärker auch in die Rolle, eine gesunde Lebensweise zu favorisieren und die Prävention zu fördern.

„Es ist nachgewiesen – und das gilt für Frauen wie für Männer“, so führt Dr. Neubert aus, „dass oft der Bewegungsmangel für das Eintreten von degenerativen Gelenkerkrankungen verantwortlich ist. Und es ist fast egal, was man macht, es kommt vor allem darauf an, es regelmäßig zu machen.“ Sicher gebe es manche Sportarten und Bewegungsabläufe, die für den jeweiligen Körper besser geeignet sind. „Doch entscheidend ist,“ so Neubert, „sich regelmäßig zu bewegen und sich dafür zu motivieren, also es muss schon Spaß machen.“ Ganz sicher gebe es auch einen Risiko behafteten Sport, leider steige die Zahl der Sportunfälle durch übergroßen Ehrgeiz oder falsches Training. „Aber die gefährlichste Sportart ist, auf der Couch zu sitzen und nur den Daumen an der Fernbedienung zu bewegen.“

Vorbeugung beim Profi-Fußball

„Natürlich gibt es auch für den Hobbyund Leistungssportler verschiedene Programme der Prävention“, bestätigt der Orthopäde und Sportmediziner Dr. Thorsten Dolla. In seiner medizinischen Praxis hat er viele Jahre als Mannschaftsarzt Fußballer von Hertha BSC und auch vom 1. FC Union Berlin betreut. Der Zuschauer könne sehr gut beim Trikot-Tausch der Spieler registrieren, wie im Rumpfbereich ihre Bauch- und Rückenmuskulatur durch ständiges Training gekräftigt und ausgeprägt sei. „Der Profi-Fußballer braucht eben mehr als nur einen dicken Oberschenkel, um ein gutes Spiel zu absolvieren. Da wird Schnellkraft trainiert, Ausdauer, koordiniertes Muskeltraining im gesamten Rumpfbereich sowie Training des gesamten Körpers. Erst diese gute körperliche Verfassung und der Muskelaufbau ist immer auch zugleich eine präventive Maßnahme“, so der Sportmediziner.

Hobby-Sportlern fehlt oft Geduld

Orthopäde und Sportmediziner Dr. Thorsten Dolla – Foto: Sportmedizinisches Institut Berlin

Gerade in der sportmedizinischen Betreuung gilt der Grundsatz individueller Behandlungskonzepte. Während allerdings der Profi- Sportler keine Motivation benötigt, um auch für die Prävention seinen Körper zu trainieren, haben der Hobby-Sportler und erst recht normale Leute wie Du und Ich gehörig Nachhol-Bedarf. Aus den Erfahrungen seiner Praxis kann Dr. Dolla nur empfehlen, dass bei Hobby-Sportarten wie dem Laufen der Spaß im Vordergrund steht und der Stress auf der Jagd nach Bestzeiten unbedingt zu vermeiden ist. „Die Muskeln, Sehnen, Gelenke müssen beim Training gleichermaßen gestärkt werden. Die Läufer brauchen das richtige Maß für ihren Sport. Und oft fehlt ihnen die Geduld.“

Doch der Orthopäde Dr. Dolla kennt auch das andere Extrem. Das sind dann Patienten, die beteuern, keine Zeit für Sport und irgendwelche Bewegung zu haben. „Das ist nur eine Ausrede. Nahezu jeder kann im Zeitraum von sieben mal 24 Stunden wenigstens einmal 30 Minuten eine Treppe hoch und runter laufen oder ein Strecke mit dem Fahrrad fahren. Es gibt so viele Möglichkeiten, die ich aufzählen könnte“, beschreibt Dolla die Situation.

Muskeln gegen Rückenschmerz

Viele Patienten kommen auch mit der Volkskrankheit Rückenschmerzen zu ihm in seine Praxis. Die Erfahrungen des Orthopäden Dolla besagen, dass etwa bei 80 Prozent der Patienten die Rückenbeschwerden auf eine sehr unterentwickelte Rumpf-Muskulatur zurückzuführen sind. Deshalb hat er sich für seine Praxis eine moderne Messtechnik installiert, die exakt bestimmt, wie beim Patienten Bauch und Rücken mit Muskulatur ausgestattet sind im Vergleich zu Referenzgruppen mit gleichem Alter und Größe. „Dann kann man individuelle Behandlungskonzepte aufstellen, um Muskulatur langfristig zu trainieren und die Rumpfmuskulatur zu verbessern“, erklärt der Orthopäde. Es mache riesigen Spaß mit Patienten, die motiviert seien, sich zu bewegen, Sport zu treiben, die gymnastische Übungen erlernen, um sie regelmäßig zu Hause anzuwenden. „Da sind so manche 70-jährige Patienten“, freut sich Dr. Dolla, „heutzutage fit wie ein Turnschuh.“

Foto: AOK-Mediendienst

www.thorsten-dolla.de

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