Kultur ist Chefsache

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Der Termin hätte nicht besser gewählt sein können. Als Verleger Jürgen H. Blunck und Autor Gerald Backhaus den regierenden Bürgermeister und Kultursenator von Berlin im roten Rathaus trafen, strahlte die Sonne. im Fokus des Interviews stand die vielfältige Kultur in der Hauptstadt, von Museen, Galerien, Opern, Theatern bis hin zur Freien Szene und Clubkultur.

Herr Müller, die Kultur ist ein wichtiger Standortfaktor. Das spiegelt sich auch im Haushalt wider: 2016 erhöht sich der Etat um knapp 7 Prozent auf rund 505,3 Millionen Euro, 2017 sogar auf dann 522,3 Millionen. Die Freie Szene soll davon besonders profitieren. Wie wird das konkret aussehen? Sie profitiert, weil wir Akzente setzen konnten, was Stipendien und Ausstellungshonorare anbelangt. Allein die Stipendienmittel konnten wir um 50 Prozent steigern. Damit bekommen auch Künstler, die am Anfang ihrer Laufbahn stehen, eine Basis.

Wie geht das praktisch? Über ein Juryverfahren. 480 Anträge wurden bei uns eingereicht, rund 100 davon bewilligt. Das sind echte zusätzliche Mittel, die da bewilligt werden. Die Freie Szene fördern wir mit nahezu einem Viertel des Etats. Rechnet man die Anteile aus der City-Tax hinzu, liegt der Betrag 2016 bei rund 10 Millionen Euro und 2017 bei rund 12 Millionen Euro.

Apropos City-Tax, – die Übernachtungssteuer, die Berlinbesucher über die Hotels zahlen müssen – wie viel davon wird für die Kultur ausgegeben? Für 2016 und 2017 stehen zusätzlich jeweils 10 bis 12 Millionen Euro für die Bereiche Kultur, Tourismus und Sport zur Verfügung. Die City-Tax ist zusätzliches Geld. Unabhängig von der Vereinnahmung der Übernachtungssteuer im Gesamthaushalt gehen ein Drittel davon, also rund 3,5 Millionen Euro, in Förderung von Kunst und Kultur. Wir fördern damit z.B. die Veranstaltungsreihe „Ausufern“ in den Uferstudios in Wedding und das „Death Lab“, eine 7-teilige Reihe von inszenierten Begegnungen von Künstlern mit Menschen, die sich professionell mit dem Sterben auseinandersetzen. Mehr Zuschüsse aus diesem Topf bekommen auch die Schaubühne und das Maxim-Gorki-Theater.

Die Berliner Kulturszene besticht durch ihre Vielfalt – von den drei Opernhäusern bis hin zu Off-Theatern, Tanz- und Kabarettbühnen. Wie funktioniert das Miteinander von großen Häusern und der Freien Szene? Gibt es Schnittmengen? Etablierte Einrichtungen verändern sich und neue Einflüsse spielen mehr und mehr eine Rolle. Die Volksbühne und das Maxim-Gorki-Theater arbeiten seit einigen Jahren gut mit der Freien Szene zusammen. Gerade am Gorki, das ja nach dem Intendantenwechsel zu Beginn als „Migrantenstadl” diffamiert wurde, arbeiten internationale Künstler und begeistern neben den Berlinerinnen und Berlinern auch Gäste aus aller Welt. Das hat natürlich auch Wirkung auf die anderen Häuser und inspiriert diese. Wir haben derzeit ja einen Generationenwechsel – nicht was das Alter, sondern vor allem was die Haltung anbelangt – z.B. an der Volksbühne, der Staatsoper und am Berliner Ensemble. Alle Häuser nehmen die neuen Entwicklungen Berlins bei ihrer Arbeit mit auf.

Für Ihre Entscheidung zur neuen Ausrichtung der Volksbühne ab 2017 nach dem Abschied von Intendant Frank Castorf ernteten Sie und Kulturstaatssekretär Tim Renner auch Kritik. Was erwarten Sie vom Direktor der Tate Modern in London, dem belgischen Kurator Chris Dercon? Mit ihm ist eine konzeptionelle Weiterentwicklung dieses Theaters verbunden. Die Ära Castorf war auch nur möglich, weil man sich etwas getraut hatte, weil man ihm die Chance und den Raum gab, um Neues und Spektakuläres auszuprobieren. Nun gebt nach 25 Jahren doch auch mal anderen eine solche Chance! Das Haus mit seiner Ostbiografie hat natürlich u.a. die Umbruchsituation nach der Wende widergespiegelt. Diese DNA des Hauses aufzunehmen und aktuelle Entwicklungstendenzen aufzugreifen, gehört zu Dercons Rahmenkonzept. Tanz, Musik, Performances, Video – das alles gehört dazu. Wir glauben, dass Dercon dafür das richtige Gefühl hat, sowohl behutsam mit dem Haus umzugehen, als auch neue Einflüsse zu berücksichtigen. Schlimm wäre doch, wenn jetzt eine Art Mini-Castorf käme, also einer, der alles nur so weitermachen würde.

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Die Auswahlprozesse von Intendanten gehören sicher zu den schönsten Aufgaben eines Kultursenators. Damit prägen Sie die Stadt. Nun war Ihre Wahrnehmung als Kultursenator zu Beginn ambivalent. Man fragte sich: Macht es ihm Spaß oder nicht? Und wird die Kultur in Zukunft Chefsache bleiben oder gibt es für sie nach der Abgeordnetenhauswahl im September ein eigenes Ressort? Das ist natürlich vom Ausgang der Wahl abhängig. Ich fühle mich mit der Aufgabe sehr wohl und würde sie gern weitermachen. Jenseits dieser Tatsache muss man überlegen, wie man den Bereich am besten strukturiert. Für mich ist beides denkbar und im Sinne der Kultur gut.

Welche Vorteile hätten die beiden Varianten? Bleibt die Kultur beim Regierenden Bürgermeister, dann würde sie weiterhin davon profitieren, dass man bestimmte Dinge wie Ausstattungs- und Finanzfragen besser durchsetzen kann. Auch ihre Außenwahrnehmung ist durch den Regierenden Bürgermeister größer. Ein eigenständiges starkes Ressort Kultur wäre aber auch eine gute Variante. Damit würde man eine klare Schwerpunktsetzung Berlins für die Kultur unterstreichen. Die aus meiner Sicht schlechteste Lösung wäre es, die Kultur irgendwo anzuhängen, z.B. Bildung und Kultur, oder Wissenschaft und Kultur oder Sport und Kultur.

Der Schlossneubau macht große Fortschritte. Welche Bedeutung wird das Humboldt-Forum nach seiner Fertigstellung für Berlin haben? Es wird die historische Mitte Berlins stark verändern und ein großer Anziehungspunkt werden. Ich denke da an Besucherströme von und zur Museumsinsel, außerdem wird es Auswirkungen auf die Gestaltung des Rathausplatzes geben. Zeitgleich wird ja die neue U-Bahn fertig. Vor allen Dingen wird das Humboldt-Forum Berlin international noch einmal ganz anders präsentieren. Wir werden damit nochmal mehr als Weltstadt wahrgenommen, wenn dort Kunst, Kultur, Wissenschaft und Bildung zusammenkommen und eine Diskussionsmöglichkeit entsteht, in der die Sammlungen der europäischen und außereuropäischen Geschichte mit dem aktuellen Berlin aufeinander treffen.

Was passiert mit den Museen in Dahlem, wenn die Sammlungen nach Mitte umgezogen sind? Die Gebäude dort müssen zunächst ertüchtigt werden. Was danach passiert, dafür gibt es noch keine abschließende Überlegung, also ob sie danach als Kulturstandort oder der Wissenschaft zur Verfügung stehen werden.

Wann waren Sie zum letzten Mal privat im Theater oder bei einem Konzert? Was haben Sie da gesehen und gehört und wie hat es Ihnen gefallen? Man denkt zuerst immer an die Opern und großen Ausstellungen, aber kürzlich war ich mit meiner Familie in der Jubiläumsaufführung von „Linie 1”, dem Musical im Grips-Theater, das seit 30 Jahren viele begeistert. Es wird mittlerweile zweisprachig aufgeführt und ist schon auf Welttournee gegangen. Zuvor sah ich im Gorki-Theater Falladas „Kleiner Mann – was nun?” und nach Jahren war ich neulich zum ersten Mal wieder im Theater des Westens. Was Museen angeht, habe ich mir natürlich die aktuelle Ausstellung im Märkischen Museum angesehen, weil wir mit der Präsentation dort im Hause große Pläne haben. Und natürlich begeistern mich auch in diesen Tagen die Berlin Biennale und die neue Ausstellung von Julia Stoschek!

Das Grips-Theater wurde von Ihnen kürzlich besonders gefördert, oder? Ja, vor allem durch das Parlament wurden die Kinder- und Jugendtheater Atze, Grips, Strahl und Theater an der Parkaue besser ausgestattet. Wir als Senat haben das sehr gern unterstützt.

Was Ihre Unterstützung von Theatern angeht, fällt die Entscheidung über die Ku’damm-Bühnen per Abrissbirne? Es herrscht dort eine schwierige Lage aufgrund von Grundstücksverkäufen, die nicht rückgängig gemacht werden können. Es ist toll, wie sich die City West im Moment entwickelt und natürlich wird sich auch dieses Areal weiterentwickeln. Das wird Auswirkungen auf Theater und Komödie am Kurfürstendamm haben. Wichtig dabei ist, dass beide Seiten aufeinander zugehen, damit die Investoren auch verstehen, wie wichtig uns die Boulevardtheater an dieser Stelle sind. Es muss einen Kompromiss zwischen Neugestaltung, Umbau und Erhalt der Theater geben.

„Zu einer Metropole, die Touristen begeistern will, gehört es, dass man sich gut versorgen und die Stadt auch gastronomisch genießen kann. Andererseits haben wir 3,7 Millionen Menschen, die hier leben und ein Recht darauf haben, nachts schlafen zu können.“

Viele gehen nach einem Theaterbesuch gut essen. – Eine Frage zur Berliner Gastronomie: In Tempelhof-Schöneberg und Friedrichshain-Kreuzberg bekommen Gastronomen derzeit Probleme beim Herausstellen von Tischen und Stühlen. Die Auflagen werden strenger, d.h., die Ämter genehmigen restriktiver als früher. Wirte fühlen sich benachteiligt, weil ihre Gäste gern draußen sitzen. Wird das schwierig, gehen sie woandershin. Widerspricht ein solches Vorgehen der Behörden nicht der Tatsache, dass die Hauptstadt sehr auf Tourismus als Wirtschaftsfaktor setzt?

Das ist eine Gratwanderung, dafür braucht man einen guten Kompromiss. Zu einer Metropole, die Touristen begeistern will, gehört es, dass man sich gut versorgen und die Stadt auch gastronomisch genießen kann. Andererseits haben wir 3,7 Millionen Menschen, die hier leben und ein Recht darauf haben, nachts schlafen zu können. Man muss sich die Situation auf den Gehwegen genau anschauen. Durch die Außenbestuhlung der Gastronomen wird der Platz knapper. Wir möchten aber Barrierefreiheit ermöglichen, damit z.B. Menschen mit Rollator oder Kinderwagen ohne Probleme durchkommen. Deshalb bitte ich um Verständnis und Kompromissbereitschaft. Damit beides möglich ist, geht es nicht ohne Regeln, wie die Ruhe ab 22 Uhr oder die Breite des Gehwegs, der frei bleiben muss. Es gibt dann hoffentlich immer noch die Flexibilität, etwas zu ermöglichen, wenn an der betreffenden Stelle keine Probleme bestehen.

Müssen diese Dinge auf Bezirksebene geregelt werden oder wären einheitliche Lösungen für ganz Berlin nicht besser? Einiges könnten wir auch auf Landesebene regeln, aber ich möchte die Bezirke gar nicht um ihre Entscheidungskompetenz bringen. Sie wissen vor Ort viel besser, was geht und was nicht geht und können flexibler handeln. Bis eine Senatsverwaltung vor Ort ist, um zu schauen, ob man einen Entscheidungsspielraum nutzt – das ist alles zu weit weg. Ein Bezirksamt hingegen kennt Gastronomen und Anwohner gut und kann viel besser entscheiden. Klar ist, dass es in manchen Fällen flexiblere Entscheidungen gibt und dann wieder welche, bei denen man mit den Augen rollt und denkt: Warum ist da nicht mehr möglich?

„Die Freie Szene werden wir weiter stärken. Ganz wichtig in den nächsten Jahren ist, dass wir Räume für Künstler erhalten.“

Welche kulturellen Schwerpunkte werden Sie in der neuen Legislaturperiode setzen? Das wird ein ganz anspruchsvolles Programm. Es fängt an mit einem aktiven Umgang mit dem Humboldt-Forum und der Weiterentwicklung des Märkischen Museums, das sich deutlich anders aufstellen muss. Es wird dort Investitionen, Umbauten und neue Ausstellungskonzepte geben. Die Freie Szene werden wir weiter stärken. Ganz wichtig in den nächsten Jahren ist, dass wir Räume für Künstler erhalten. Dazu wollen wir z.B. Atelierprogramme ausweiten und Orte für Clubs sichern, wenn die Wohnbebauung weiter an die Freiräume heranrückt. Und nicht zu vergessen: 2017 werden der Evangelische Kirchentag und das Lutherjahr in Berlin groß gefeiert.

Berlin ist eine wachsende Stadt. Wann knackt die Hauptstadt die 4-Millionen-Marke? Und wird die Infrastruktur dem gewachsen sein? Wie stellt sich die Stadt darauf ein? Wenn es so weitergeht mit dem Zuzug von rund 40.000 Menschen pro Jahr, dann liegen wir in zehn Jahren bei über 4 Millionen Einwohnern. Das wäre so, als ob wir innerhalb von zehn Jahren einen 13. Bezirk dazu bekämen. Stellen Sie sich das mal vor: Berlin baut pro Jahr die Infrastruktur einer Kleinstadt! Das sind Kitas, Schulen, öffentlicher Nahverkehr, Grünflächen und Sportplätze. So muss es in den kommenden Jahren weitergehen, das ist eine riesige Aufgabe.

Herr Müller, vielen Dank für das Gespräch.

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