Wieder in Bewegung kommen

von Ronald Keusch

Foto: Oberlinklinik

Bedarf an medizinischer Rehabilitation wächst

Die Operation des Oberschenkelhalsbruches der Rentnerin dauert nur 40 Minuten, der bei einem Verkehrsunfall an der Wirbelsäule verletzte Autofahrer wird in der Unfallstation erfolgreich versorgt, ein Ausfallschritt bei einem Fußballspiel in der Sporthalle führt zum Kreuzbandriss und der Orthopäde rät zur Operation. Sie alle haben nach der Operation zumeist den gleichen Weg: zur Rehabilitation.

Oftmals ist nach der Operation die Gesundheit noch nicht voll hergestellt und vor allem eine unbehinderte Wiedereingliederung in den Beruf und den familiären Alltag nicht möglich. Viele Krankheiten sind langwierig, beinhalten die Gefahr einer dauerhaften, chronischen Beeinträchtigung und können zu gesundheitlichen Nebenfolgen oder Nachfolgeerkrankungen führen. Dies trifft insbesondere auf die „modernen Volkskrankheiten“, die chronisch-degenerativen Erkrankungen wie Arthrose, Osteoporose, Bandscheiben- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zu, aber auch auf Sucht- und psychische Erkrankungen. Rehabilitation ist also zugleich auch Prävention und zielt vom Grundsatz her auf alle Altersgruppen.

Reha-Leistungen müssen zulegen 

Die Rehabilitation ist im deutschen Gesundheitssystemscheinbar gut verankert und im internationalen Vergleich mit qualifizierten Einrichtungen, Personal und Behandlungskonzepten gut ausgestattet, so beschreibt eine Studie der Rentenversicherung aus Baden-Württemberg die Situation. Und weltweit wird die medizinische Rehabilitierung in deutschen Landen vielfach als Vorbild angesehen. Doch angesichts der Alterspyramide und der damit einhergehenden Zunahme an chronischen und multimorbiden (mehrfachen) Erkrankungen, so die Studie weiter, sollte es mittel- und langfristig zu künftig stärkerer Prävention und Rehabilitation kommen – wie auch die Gutachten des Sachverständigenrats Gesundheit von 2007 und 2009 nahelegen. Demgegenüber zeichnen aktuelle Zahlen zum Gesundheitswesen ein deutlich anderes Bild: Zwar stiegen die Aufwendungen für Vorsorge und Rehabilitation zwischen 1995 und 2012 um etwa 14,5 Prozent von 7,6 auf 8,7 Milliarden Euro, gleichzeitig fiel aber der relative Anteil der Reha am Gesamtaufkommen der Ausgaben für Gesundheit von 4,1 Prozent auf 2,9 Prozent, was einer Reduktion von fast 30 Prozent entspricht (vgl. Nübling 2011, Sachverständigenrat 2014). Die Reduktion des relativen Anteils ergibt sich aus der Deckelung der Ausgaben für Vorsorge und Rehabilitation bei gleichzeitigem Anstieg der restlichen Ausgaben für Gesundheit von 185 auf 300 Milliarden Euro. Für die Reha-Kliniken gewinnt deshalb der Nachweis der Ergebnisse ihrer medizinischen Reha-Leistungen weiter an Bedeutung und es liegen dazu viele Untersuchungen, Fakten und Erfahrungen auf dem Tisch.

Erfolgszahlen der Wiedereingliederung 

Umfangreiches Material wird von einem der größten Leistungsträger der Rehabilitation geliefert, der Deutschen Rentenversicherung (DRV-Bund).(1) Sie hat im Jahr 2013 insgesamt 1,6 Millionen Anträge auf medizinische Rehabilitation erhalten und 988.380 Reha-Leistungen durchgeführt. Die wichtigsten Reha-Indikationen waren Erkrankungen der Muskeln, des Skeletts und des Bindegewebes. Überwiegend wird die Rehabilitation stationär in einer Durchschnittsdauer von 24 Tagen abgewickelt, nur 13 Prozent der Fälle werden ambulant behandelt. Der Reha-Bericht vermeldet als ein Fazit, dass nach zwei Jahren 85 Prozent der Reha-Patienten wieder erwerbsfähig sind. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich eine durchschnittliche medizinische Rehabilitationsmaßnahme durch Hinausschieben des Bezugs einer Erwerbsminderungsrente um nur vier Monate amortisiert. Der DRV-Bund nennt in seinem Reha-Jahresbericht 2013 vergleichbare Zahlen. Durch die Prognos-Studie „Die medizinische Rehabilitation Erwerbstätiger – Sicherung von Produktivität und Wachstum“ von 2009 wird belegt, dass „für jeden in die medizinische Rehabilitation investierten Euro die Gesellschaft schon heute fünf Euro“ zurückgewinnt.

Individuelle Behandlung ist unerlässlich 

In den Reha-Kliniken will man stärker sowohl individuell als auch dem jeweiligen Gesundheits-Stadium entsprechend den Patienten den Weg zurück in den Alltag erleichtern, so erläutert der Vorsitzende der Berliner Orthopädischen Gesellschaft, Professor Dreinhöfer von der Charité Universitätsmedizin und der Medical Park Humboldtmühle in Berlin. Der Hausarzt der alten Schule habe über 20 oder 30 Jahre seine Patienten und das ganze Umfeld gekannt und genau gewusst, wenn das Herz weh tat, ob es Liebeskummer war oder ein Anzeichen für Herzinfarkt. Das sei in der heutigen individualisierten, hoch spezialisierten Welt verloren gegangen.

Viele Akut- und auch Reha-Kliniken haben Standard-Module. Da kommt ein Patient mit einem Röntgenbild, das eine Hüft-Arthrose zeigt, also bekommt der Patient eine Hüftprothese. „Aber es kann dafür auch viele andere Gründe geben. Man sollte nicht nur in abgeschlossenen ‚Wenn-Dann-Kategorien‘ reagieren“, so Professor Dreinhöfer. Der Schmerz könne vom Rücken, könne vom Knie kommen oder psychisch bedingt sein. Deshalb muss man den Patienten als gesamte Person verstehen, ihn individuell behandeln und gemeinsam die Rehabilitationsziele festlegen.

Manche Patienten haben den Anspruch, im Beruf wieder mobil tätig zu sein, oder wollen dem Sport nachgehen. Ein anderer Patient, der aufgrund eines Schlaganfalles bereits eingeschränkt ist, will einfach nur ein schmerzfreies Hüftgelenk haben. Für einen jeden sollte die Reha ganz speziell konzipiert werden. Und Professor Dreinhöfer plädiert: „Unser Ziel ist es, bei jedem einzelnen Patienten herauszufinden, was für private, persönliche, berufliche Ansprüche er hat, wie realistisch sie sind und in welchem Zeitrahmen eine solche Reha angegangen und als Trainingsprogramm für zu Hause weiterentwickelt werden kann.“ – Aber kostet das nicht auch mehr Zeit und mehr Geld? „Es ist sicherlich zeitlich aufwendiger, ist aber auch besser und befriedigender für den Patienten wie für den Arzt“, so Dreinhöfers Fazit.

Vorsorge chronischer Erkrankungen 

Ein großes Thema in den Rehakliniken ist die Vorsorge. Die Osteoporose (Knochenschwund) ist ähnlich heimtückisch wie hoher Blutdruck. Die Menschen spüren die Krankheit nicht, sondern nur die Effekte, die durch die Krankheit ausgelöst werden. Die Osteoporose führt oft zu einem Knochenbruch.

„Aber die Osteoporose ist eine chronische Erkrankung. Wird sie frühzeitig erkannt, kann sie gestoppt und der Patient stabilisiert werden, sodass er sich nicht den Knochen brechen muss“, erläutert Professor Dreinhöfer seine Erfahrungen in der Humboldtmühle. Einen Unterarmbruch, so beginne es häufig, müsse man als ein deutliches Warnzeichen für weitere Knochenbrüche erkennen. Spätestens dann sollte eine notwendige Kaskade einsetzen mit gezielter Diagnostik, einer umfassenden Information des Patienten und seiner Angehörigen sowie mit dem Beginn eines Sturz- und Kräftigungstrainings sowie gegebenenfalls einer Medikamentengabe.

Die Rehabilitation kann auch dafür sorgen, dass der Patient nicht passiv bleibt und sich in sein Schicksal ergibt, sondern gegenüber Erkrankungen aktiv wird. Professor Dreinhöfer bestätigt, dass man der Osteoporose effektiv entgegensteuern kann. Zunächst sollte mit einer gesunden adäquaten Ernährung dem Knochen genügend Material gegeben werden, dazu mit Bewegungs- und Muskelaufbautraining einen Reiz an den Knochen gesetzt werden, damit er sich wieder aufbaut. Und schließlich besteht auch ein Teil der Vorsorge darin, den Alltag so zu organisieren, dass die Sturzneigung vermieden wird, nach dem Motto: Solange man nicht stürzt, bricht man sich auch nichts.

Zugleich stellt der Reha-Arzt dem Patienten die Aufgabe, sich regelmäßig zu bewegen, aber mit geringem Risiko eines Sturzes. Es geht immer auch darum, das Körpergefühl und das Gleichgewicht zu erhalten, es bei älteren Patienten wieder anzutrainieren. „Gerade das Training der älteren Generation ist eines meiner zentralen Punkte in der Klinik und auch in der Forschung“, so Professor Dreinhöfer. „Entscheidend dabei ist dann, das richtige individuelle Programm auf den jeweiligen Patienten abzustimmen.“

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