Die da drinnen – die da draußen

Foto: ©Theaterprojekt aufBruch

Die einen scheinen besonders betriebsam, andere machen kein Hehl aus ihrer Aufregung. Türen werden verschlossen, persönliche Dinge verschwinden in Schließfächern, kein Festhalten an der Handtasche, kein Spielen mit dem Mobiltelefon. Lange Gänge, immer wieder das Öffnen und Schließen von Türen, das nüchterne Viereck des Hofes mit den vergitterten Fenstern ringsum. Der nichtöffentliche Ort wird zur Bühne. Eine Theateraufführung im Gefängnis mit Insassen als Akteuren ist eine besondere Zeit – für die, die von draußen kommen, und die, die drinnen sind. Wie vertragen sich die Freiheit der Kunst und die Mauern des Knasts? Was bewirkt Theater innerhalb von Gefängnismauern?

Vor 18 Jahren inszenierte das unabhängige Berliner Theaterprojekt aufBruch sein erstes Theaterstück hinter Gefängnismauern und arbeitet seitdem kontinuierlich in der Berliner Justizvollzugsanstalt Tegel, seit zehn Jahren in der Jugendstrafanstalt Berlin und seit vier Jahren in der JVA Plötzensee. Vor einem Jahr kam die neuerrichtete JVA Heidering in Großbeeren zu den Spielorten von aufBruch dazu. Da schlawinerte sich „Der brave Soldat Schwejk“ mit seinen biergemütlichen, bitterernsten und humorigen Geschichten mitten aus dem 1. Weltkrieg über den Hof der Großbeerener JVA. In diesem Jahr steht „Der Hauptmann von Köpenick“ auf dem Spielplan. „Natürlich wählen wir Stoffe, die einen inhaltlichen Bezug zur Situation der Gefangenen haben“, erklärt Sibylle Arndt, Mitglied der künstlerischen Leitung von aufBruch und Produktionsleiterin. Gemeinsam mit Peter Atanassow (künstlerische Leitung und Regie) und Holger Syrbe (künstlerische Leitung, Bühne und Finanzen) bildet sie das stabile künstlerische Dreigestirn des Theaterprojektes. Jeder bewältigt mehrere Jobs, hinzukommt bei jeder Inszenierung ein Team auf Zeit aus Kostümbildner, Assistenz, Technikern – eben alles, was ein Theaterstück braucht, um professionell über die Bühne zu kommen. Und schon ist sie da, die Journalistenfrage: Wie ist das eigentlich, wenn man so direkt Mördern, Vergewaltigern, Räubern, Betrügern gegenübersteht und mit ihnen Theater spielen möchte? Sibylle Arndt runzelt fast unmerklich die Stirn, zu oft hat sie wohl gerade diese Frage beantworten müssen. „Wir haben keine Akteneinsicht, kein Briefing durch die JVA oder ähnliches, und ehrlich gesagt: Wir möchten das auch nicht. In der Anfangsphase eines neuen Projektteams merkt man sehr schnell, wer die kriminelle Biografie der Schauspieler auf Zeit ausblenden kann. Wer das nicht schafft, verlässt das Projekt meist ziemlich schnell wieder.“ Sie wissen also nichts? Sibylle Arndt schüttelt den Kopf. „Das ist ganz unterschiedlich: Die einen suchen das Gespräch, öffnen sich, andere haben ihre Biografie in sich eingeschlossen.“

Bevor der Hauptmann kommt

Während sich in der JVA Tegel längst eine eigene Theatertradition entwickelt hat – in diesem Jahr Sophokles‘ „Philoktet“ – mussten sich die Künstler ihr Terrain am Heidering mit der ersten Inszenierung erst abstecken. „Jedes Gefängnis hat seine eigenen Abläufe und seine innere Struktur.“ Das Casting ist allerdings überall gleich: Am Anfang stehen Aushänge, auf denen über das Theaterprojekt informiert wird. Insassen, die sich dafür interessieren, schreiben einen Antrag, der von der Leitung des Hauses entschieden wird. Und dann beginnt die eigentliche Theaterarbeit: Das Lesen des Stückes, Gespräche über den Inhalt und die gesellschaftlichen und politischen Dimensionen, Rollenverteilung. Der Prozess, der dann beginnt, fasziniert die aufBruch-Theatermenschen immer wieder. „Natürlich freuen sich alle über die Abwechslung, aber schnell lassen sich die neuen Schauspieler auf die ungewohnte Anforderung ein. Sie lernen Stück für Stück, die ungewohnte Situation zu bewältigen und durchzustehen. Die schauspielenden Gefangenen erleben, dass man für den Erfolg arbeiten muss und Überwindung vor der Anerkennung steht“, fasst die Produktionsleiterin zusammen. Resozialisierung mit den Mitteln der Kunst ohne Hegemonieansprüche, aber mit wachen Sinnen für Befindlichkeiten. Auch deshalb gibt es nach jeder Aufführung eine gemeinsame Runde von Protagonisten und Zuschauern im Hof. Manchmal kommen Familienangehörige, immer gibt es gute Gespräche voller Respekt, denn für die Zuschauer zählt nur die Leistung, die die Schauspieler an diesem Abend gebracht haben, das Eintauchen in die Rolle, die Perfektion des Spiels, die Entwicklung von Charakteren an Konflikten. Das ist – auch dank der Stückauswahl – sehr authentisch und voller Leidenschaft.

Und noch eine der typischen Journalistenfragen: Wie ist das mit den Frauenrollen? „Die übernehmen Männer, was sonst“, antwortet Sybille Arndt. „Das ist nicht immer ganz einfach, besonders, wenn das Stück zum ersten Mal im Kreis der Insassen aufgeführt wird.“

Wie der „Hauptmann von Köpenick“ in Großbeeren wird? Voller Humor über den gelungenen Streich oder eher tragisch, weil da einer nicht klarkommt mit dem Leben draußen? Sybille Arndt weiß es zum Zeitpunkt unseres Gespräches noch nicht. „Das ist ein Prozess, abhängig von dem, was die Protagonisten mitbringen. Wir entwickeln das gemeinsam an und mit dem Stück.“ Möglich ist beides, denn wie hieß es 2014 im Schwejk? „Jeder gute Witz spielt mit einer Katastrophe.“

Infos:

„Der Hauptmann von Köpenick“

Freiluftgefangenentheater in der JVA Heidering

Termine:

9., 10. und 11.09.2015 sowie 16., 17. und 18.09.2015, um 18 Uhr

Es spielt das Gefangenenensemble der JVA Heidering

Spielort:

JVA Heidering / Anstaltshof Ernst-Stargardt-Allee 1, 14979 Großbeeren Der Einlass erfolgt von 16.45 Uhr bis 17.30 Uhr

Tickets: Preis: 14 € / 9 € ermäßigt

Verkauf in Großbeeren:

Bücherhaus Ebel Berliner Straße 36, 14979 Großbeeren Tel. 033701 / 366003

Verkauf in Berlin: Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Tel. 030 / 240 65 777

Die Tickets sind personengebunden und nur im Vorverkauf bis mind. 5 Tage vor der Vorstellung erhältlich.

Ab 16 Jahren.

Der Einlass ins Gefängnis am Tag der Vorstellung erfolgt nur nach Vorlage eines gültigen Personalausweises oder Reisepasses.

www.gefaengnistheater.de

von Brigitte Menge

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